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Anlauf nehmen

Pastor Thomas Zels

Der Hochspringer steht an der Latte und nimmt Maß. Voll konzentriert. Nichts lenkt ihn ab. Die Latte ist mit ausgestreckter Hand für ihn gerade noch zu erreichen. Satt über der 2-Meter-Marke. Andere, die davor stehen, denken vielleicht: „Das schafft doch keiner, da drüber zu springen!“

Der Sportler geht mit genau abgemessenen Schritten die Anlaufstrecke zurück. Ziemlich weit. Dann bleibt er stehen, wiegt sich nach vorn, nach hinten, so als würde der Anlauf immer noch nicht reichen. Und dann sprintet er los! Steigert sich - springt ab - und ja! Er schafft es! Mit Siegerlachen und dem Applaus der Zuschauer federt er von der Matte. 

Wer einen großen Sprung machen will, muss erst mal weit zurück gehen. Logisch. 

Woanders gibt's diese Logik auch. Zum Beispiel bei unserem Jahresthema „Ein weites Herz bekommen“, also Menschen lieben, an denen mich etwas stört oder sogar verstört. Da denke ich oft reflexartig: „Das schafft doch keiner! Und aus dem Stand schafft das auch keiner. Dafür brauche ich erstmal einen gehörigen Anlauf“. So wie der Hochspringer sich zunächst von der Latte entfernen muss, muss auch ich ein paar Schritte zurückgehen. Vielleicht zu meiner eigenen Bekehrung oder einer Wiederauferstehung meines Vertrauens. Aus welcher Lage hat Gott mich damals gerettet? Oft war es ein persönlicher Tiefpunkt, ein Scheitern, wo mir Gott seine Liebe bewiesen hat und ich sie (wieder) glauben konnte. In Hesekiel 16,6 steht: Ich aber ging an dir vorüber und sah dich in deinem Blut strampeln und sprach zu dir, als du so in deinem Blut dalagst: Du sollst leben!  Dann merke ich wieder, wie groß Gottes Liebe zu mir ist. Sie erfüllt mich neu. Und dann kann ich den Anlauf über die Hürde wagen. Wenn ich jemanden schrecklich finde oder abstoßend, eklig, unpassend, nervig, selber schuld, feindlich, überheblich, einfach unverständlich, dann will ich nicht engstirnig denken: „Hilf dir selbst!“ oder „Gut, dass ich nicht so bin!“, sondern mich daran erinnern, aus welchem Gefängnis Gott MICH befreit hat, als ich unten war. Und dass er mich schon geliebt hat, als ich mich noch nicht lieben konnte. Deshalb sagt Gottes Wort: Hüte dich, dass dein Herz sich nicht überhebt und du den HERRN, deinen Gott, vergisst, der dich aus der Knechtschaft geführt hat. (5.Mose 8,14)

Auch für mich selber brauche ich ja immer wieder ein weites Herz. Wenn meine Beziehung zu Gott geschrumpft ist wie eine Liebe manchmal auf den nackten Ring am Finger, dann sollte ich mal wieder zurück gehen und Anlauf nehmen. Habe ich irgendwo gelogen? Was verheimlicht? Gegen Gott getrotzt? Solche Belastungen muss ich ausräumen. Sie stören den Kontakt zu ihm. Sicher, wenn einer sein Leben vor Gott bereinigt und sich die Schuld vergeben lässt, dann halten viele das für rückschrittlich. Aber in Wirklichkeit ist das der Anlauf zu einem großen Fortschritt. Wer diesen Anlauf  macht, der erlebt oft das, was in den biblischen Psalmen so steht: Mit dir Herr kann ich Wälle zerschlagen und mit meinem Gott über Mauern springen. (Psalm 18,30)

Das glückliche Siegerlachen mancher Christen hat eine Vorgeschichte: Anlauf nehmen.

Anlauf nehmen

 

Herzlich

Thomas Zels