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Sich treffen heißt noch nicht, sich wirklich begegnen

Pastor Thomas Zels

In einem halbleeren Bus saß eine Mutter mit ihren zwei kleinen Kindern. Die waren äußerst unruhig, während die Mutter etwas abwesend nach draußen sah. Erst zankten sie sich. „Gib her!“, schrie eins. „Lass mich in Ruhe!“, das andere. So ging das eine Weile. Die Mutter ging nur einmal recht unbeherzt dazwischen. Eins der Kinder sprang auf und lief nach hinten. Das andere sofort hinterher. Dabei stolperte es über den Fuß eines Jugendlichen. „Pass doch auf!“, rief der unwillig. Hinten angekommen hatten die beiden ihren Streit wohl schon vergessen und machten sich über die Fahrgäste lustig. „Wie blöd sieht die denn aus!“ „Kuck mal, der Dicke!“ Und so weiter. Zwischendurch kicherten sie nervig oder lachten schrill. Langsam regten sich ein paar Leute auf. Als die beiden dann im Bus wild hin und her liefen, schlugen sie aus Versehen einer Seniorin ihr Strickzeug aus der Hand. Das Wollknäuel kullerte durch den Gang. Eins der Kinder warf es linkisch in Richtung der älteren Frau zurück. Jetzt lag der Wollfaden über mehrere Reihen verteilt. „Es reicht!“, rief die Frau und drehte sich zu der Mutter um. „Hallo, Sie da! Die Kinder gehören doch Ihnen. Unterbinden Sie das gefälligst!“ Dann versuchte sie, ihre Stricksachen wieder einzusammeln. Die Kinder hatten sich inzwischen auf zwei freien Plätzen zusammengeduckt. 

Da kann man sich doch aufregen, oder? Solchen Störern müsste man mal so richtig… Und dann die Mutter! Typisch, keine Erziehung! Lässt einfach alles laufen. 

Aber die Begebenheit ging noch ein kleines bisschen weiter. Eine junge Frau setzte sich neben die Mutter. „Geht´s Ihnen nicht gut?“, fragte sie und sah in deren rötliche Augen. „Nein. Ich war im Krankenhaus“, antwortete sie. „Dieser Scheißkrebs! Ich weiß nicht, was ich machen soll.“ Betroffen legte die junge Frau ihre Hand auf den Arm der Mutter. 

Auf einmal war alles anders.

Wie oft rege ich mich auf! Über Störer, über unpassendes Verhalten und blödes Gerede. Aber warum frage ich nicht mal nach, wie es dieser Person geht? Warum bleibe ich so oft an Äußerlichkeiten hängen?

Weil sich treffen noch nicht bedeutet, jemandem auch wirklich zu begegnen. 

Wie läuft das bei mir ab im Alltag, in der Gemeinde, bei Zufallstreffen? 

Wir beschäftigen uns im Moment mit dem Thema: „Ein weites Herz bekommen“. Das kriegen wir aber nur wenig durch Diskussionen über Andersdenkende, Störer, unpassendes Verhalten. Das Herz weitet sich oft erst, wenn ich so jemandem begegne. Wirklich begegne. 

Paulus schreibt: In Demut achte einer den andern höher als sich selbst, und ein jeder sehe nicht auf das Seine, sondern auch auf das, was dem andern dient. (Philipper 2,3b+4) Ich will mich öfter mal zu denen setzen, an denen ich mich störe. Um das zu üben. Wer weiß, was sich dann tut. Ich weiß nur, dass auch ich Menschen mit einem weiten Herzen brauche. Die sich zu mir setzen. Wie Jesus das tat.

Herzlich

Thomas Zels